Wie man fesseln lernt

02. Oktober 2021

Eine Anleitung für Bondage-Beginner

 
“Ja, ist doch klar!”, wirst du jetzt vielleicht denken. “Man nimmt das Seil und fesselt irgendein Tutorial nach”. Vielleicht denkst du aber auch: “Na, da buche ich mir den ein oder anderen Workshop” oder “Ich kaufe mir ein Buch zum Thema.”  Und all das sind tatsächlich nützliche Hilfsmittel auf deinem Weg, gut Fesseln zu lernen. Aber mit Workshop, Buch und Tutorial allein wirst du nicht sehr weit kommen. In diesem Artikel habe ich nützliche Tipps für dich zusammengefasst, wie du effektiver, gehirngerechter und schnellerer als je zuvor an dein Ziel kommst!

 

Tipp Nr. 1: Definiere dein Ziel - erhöhe deine Motivation 

Mal angenommen, du möchtest richtig Kochen lernen. Jetzt kannst du dir ein Kochtutorial bei Youtube anschauen und das Rezept nachkochen. Du kannst dir auch ein Kochbuch kaufen oder einen Kurs “Kartoffelgerichte, die begeistern” buchen. Das alles wird deine Kochkünste definitiv schulen und verbessern. Aber wann hast du dein Ziel genau erreicht? Was brauchst du überhaupt alles dafür? Was genau musst du tun, um richtig gut kochen zu können?

Möchtest du einfach nur schnell ein leckeres Gericht zaubern können oder soll es zu Weihnachten ein 3-Gänge-Menü mit Rhabarber-Soufflet und Schaumkroketten geben? Möchtest du nur ein paar coole Hacks, Tipps und Tricks verstehen, damit du Freunde bekochen kannst oder fehlt dir einfach ein Hobby für den Zeitvertreib?

Ganz genauso ist es auch mit dem Fesseln. Du kannst mit Seil und Körper so unendlich viel machen - vom einfachen Festbinden bis hin zur Kunstform und Bühnensport ist alles drin. Natürlich kannst du noch nicht alles kennen, was möglich ist. Aber du wirst bereits jetzt ein paar Bilder und Situationen im Kopf haben, die du gerne erzeugen oder erleben möchtest - sonst würdest du diesen Artikel nicht lesen. Vielleicht hast du aber auch ein paar Wünsche, die dein*e Partner*in geäußert hat, im Sinn. Und genau diese Bilder, Gefühle und Wünsche sind wichtige Indizien dafür, wo es für dich lang gehen kann oder wo es dich hinziehen wird.

 

Hier können dir für den Anfang folgende Fragen bei der Orientierung helfen:

Es kann dir helfen, eine kleine Bilddatenbank auf deinem Handy anzulegen, wo du Bilder von Fesselungen sammelst, die etwas in dir auslösen. Also z.B. weil sie besonders ästhetisch sind, weil du die Fesselung praktisch oder faszinierend findest oder weil du glaubst, dass diese Figur deiner*m Partner*in sehr gut gefallen könnte. Sprich: Fesselungen, die du gerne können möchtest.

Damit erhöhst du deine Motivation und richtest auch dein Unterbewusstsein auf dein Ziel aus. Es wird dir viel leichter fallen, das Fesseln zu lernen, weil es viel deutlicher wird, welche konkreten Fesselungen, Übungen, Workshops, Trainer*innen, Stile oder Inhalte du nicht brauchst und welche dich genau dorthin führen, wo du hin möchtest. Am Ende geht es ja auch ganz einfach darum, das zu finden, was dir Spaß macht.

 

Optimalerweise hast du ein klares Bild vor Augen, welche Situation du gerne erleben möchtest.

 

Aus dem Training: Ich habe immer wieder Schüler*innen bei mir, die zwar gerne ein paar Grundlagen lernen möchten, aber für komplexere Fesselungen wenig Interesse aufbringen. Ihnen geht es primär um pragmatische Fesselungen, die in kürzester Zeit gemacht werden können. Alles, was darüber hinausgeht, ist dann weniger interessant. Die Motivation dieser Schüler*innen für komplexere Fesselungen lässt nach, weil sie nicht dem Zielbild entsprechen, bzw. zu viel Aufwand für wenig -vorgestellten- Nutzen in der imaginierten Situation bieten. 

Es ist also sehr wichtig, dass deine Motivation auf ein für dich attraktives oder interessantes Ziel ausgerichtet ist. Eine hohe Motivation auf ein langweiliges Ziel wird genauso unbefriedigende Ergebnisse liefern, wie eine geringe Motivation bei einem zu hoch gesteckten Ziel. 

 

Tipp Nr. 2: Schenke dir Zeit

Eine Wahrheit, die dir vielleicht nicht gefallen wird, ist, dass das professionelle Shibari/ Kinbaku - also das Fesseln auf einem hohen Niveau - durchaus Zeit braucht, bis es zufriedenstellende Ergebnisse auf beiden Seiten des Seils liefert. Der Grund ist nicht, dass es so unglaublich schwer und anspruchsvoll ist, jemanden zu fesseln, oder du dafür unendlich viel Wissen haben solltest. Nein, die Gründe liegen in den meisten Fällen an zwei Dingen: 

  1. Fesseln fordert vom Gehirn echt viel. Verschiedene Gehirnareale müssen zuerst aufgebaut und dann miteinander koordiniert arbeiten.
  2. Die meisten von uns haben zuvor noch nie in ihrem Leben etwas mit Seilen, Schnüren oder Fäden gemacht. Sprich: Für das Gehirn ist Fesseln besonders am Anfang mega anstrengend.

Ein Beispiel: Mal angenommen, du würdest jetzt mit einem Jurastudium beginnen. Dann hast du davor Lesen und Schreiben gelernt, du weißt, wie man zuhört und sich Notizen in einer Vorlesung macht, wie man ein Buch aufschlägt und den gewünschten Inhalt findet. Du hast vorher auch schon mal was von Gesetzen gehört und ggf. eine grobe Vorstellung davon, wie das Rechtssystem in Deutschland funktioniert.

Lernst du nun professionelles Fesseln und hattest davor - wie die meisten von uns - noch nie was mit Seilen und Fäden gemacht, dann ist das für dein Gehirn in ungefähr so, als würdest du in der ersten Jura Vorlesung sitzen und müsstest erstmal Lesen & Schreiben lernen und herausfinden, wie man ein Buch richtig herum hält und darin blättert. Du müsstest dir eine Technik aneignen, um dir das Gehörte merken zu können und du wärst sicher das ein oder andere Mal ausgesprochen frustriert...

 

Wenn wir das Fesseln erlernen, dann muss unser Gehirn multitaskingfähig und hellwach alles mögliche gleichzeitig tun. Dazu gehört u.a.:

 

Beim Fesseln nutzt du am Anfang wahrscheinlich vermehrt deine linke Gehirnhälfte, die eher für technisch-planerisches Vorgehen und Logik verantwortlich ist. Schreitest du dann weiter fort und die Techniken gehen ins Muskelgedächtnis über, so wirst du bald in der Lage sein, intensive Flow-Momente beim Fesseln zu erleben.

 

Es wird vermehrt Dopamin ausgeschüttet und die Fesselungen gehen “leicht von der Hand” oder “fesseln sich wie von selbst”.

 

Vielleicht hast du bei der obigen Aufzählung schon ein Gespür dafür bekommen, dass Fesseln lernen nicht verglichen werden kann mit Dingen wie Jonglieren (kriegt man an einem Nachmittag in einfacher Form bereits gut hin), Knöpfe annähen, Zöpfe flechten oder Rollschuhfahren.

 

Die gute Nachricht ist aber: Unser Gehirn liebt es, zu lernen und belohnt uns mit Glücksgefühlen, wenn wir etwas verstanden haben.

 

Diese sog. Neuroplastizität (also unsere Fähigkeit, permanent dazulernen zu können) braucht aber ein positives Lernumfeld. Sprich: eine hohe Motivation (“Ich hab richtig Bock drauf!”) und ein entspanntes Lernklima (also das Gegenteil von Stress und Zeitdruck).

Daher lautet mein Fessellerntipp Nr. 2 für dich: Gib dir - und damit deinem Gehirn - Zeit. Gerade das Fesseln auf hohem Niveau, die Hängungen oder das Flow-Erleben beim Fesseln, wo die Seile wie von selbst durch deine Finger gleiten, wird sich in der Regel nicht nach zwei Wochen Training einstellen. Die meisten mir bekannten Fessler*innen brauchten dafür um die 2 Jahre.

Das gilt natürlich nicht, wenn dein Ziel in kleineren Fixierungen der Handgelenke oder einer einfachen Beinfesselung besteht - diese lassen sich auch in weit kürzerer Zeit meistern. 

 

Tipp Nr. 3: Gehirn Hacking - Mentaltraining

 

Ich hatte ja gerade erwähnt, dass wir diese komplexe Gehirnfunktion, die wir zum Fesseln brauchen, generell durch den Umgang mit Seilen, Fäden und Schnüren allgemein im Vorfeld trainieren können.

Aus der Praxis: Ich beobachte immer wieder, dass Menschen, die in ihrer Freizeit viel mit Seilen und Schnüren zu tun haben - und das sind echt wenige - das Fesseln in viel kürzerer Zeit erlernen, die gezeigten Techniken viel schneller umsetzen und sich sogar besser merken können. Schüler*innen, die z.b. viel gestrickt oder gehäkelt haben, sowie Menschen mit echtem Knotenwissen (ist selten, gibt es aber tatsächlich als fesselfreies Hobby!) oder langjähriger Segelerfahrung (viele Leinen), lernen schneller als jene, die in ihrem Leben maximal Schnürsenkel in der Hand gehalten haben.

Andersherum bedeutet das für dich: Du kannst dein Gehirn für das Fesseln zusätzlich fit machen und ihm beim Lernen helfen, indem du dich einfach irgendwie mit Seilen, Knoten und Schnüren beschäftigst. Ein paar Vorschläge:

 

Nun sind diese Vorschläge vielleicht nicht für jeden gleichermaßen interessant - und das kann ich auch verstehen. Ein anderer Hack, um dem Gehirn das Fesseln beizubringen, besteht in dem “Trick” der Regelmäßigkeit.

Unser Gehirn baut nur Nervenautobahnen und verknüpft verschiedene Nervenzellen und neuronale Netzwerke miteinander, wenn wirklich eine Notwendigkeit besteht und das auch auf Dauer gebraucht wird. Zu den Punkten: Hohe Motivation/Spaß als “Neuronendünger” und der Abwesenheit von Stress und Zeitdruck kommt also noch die Komponente Regelmäßigkeit und Wiederholung hinzu. Nur dann kann das Gehirn schnell große Mengen an Wissen verarbeiten und speichern, wenn eine Relevanz vorliegt. Relevanz kommt auch durch Regelmäßigkeit, also ungefähr so: “Jetzt brauche ich das Wissen XY schon wieder? Na, dann baue ich mal besser eine (neuronale) Schnellstraße.”

Wenn wir dann aufgrund von Leben, Beruf, Alltag und solchen Dingen nicht dazu kommen, alle paar Tage die Seile aus dem Sack zu holen, dann wird es uns mit jedem weiteren fesselfreien Tag immer etwas schwerer fallen. Mein Hack besteht daher im Triggern und Hochhalten der Relevanz durch drei Techniken: 

 

Tipp Nr. 4: Fehler sind Goldstaub!

 

Einer der wichtigsten Tipps überhaupt ist, dass du Fehler machen musst, um zu lernen.

 

Sei dankbar für alles, was falsch läuft und nicht funktioniert hat - es lehrt dich so viel mehr als dass, was gut gelaufen ist.

 

Damit du in einem positiven Lernklima deine Fesselsklills ausbauen kannst, empfehle ich dir, immer die Trainingssessions von den Praxissessions (also der praktischen Anwendung, z.B. einer BDSM Session oder Fesseln für Sex, etc.) zu trennen. In der Trainingssession kannst du alles in einem sicheren Umfeld ausprobieren - das Feedback deines*r Fesselpartners*in kann dann sehr helfen, die Fesselung zu perfektionieren und anzupassen. In der Praxissession hingegen kannst du das gelernte Wissen spielerisch anwenden und für seinen jeweiligen Zweck zum Einsatz bringen.

Diese Trennung von Trainings- und Anwendungssession kann dir Ruhe geben und die klare Erlaubnis, Dinge auszutesten - ohne bei Fehlern dann gleich eine besondere erotische Stimmung ruiniert zu haben. 

[Wenn ich von "Fehlern beim Fesseln" spreche, meine ich übrigens nicht, dass du dein Modell in unnötige Gefahr bringst. Ich gehe davon aus, dass du entsprechend deiner Fähigkeiten dich langsam vortastest, Trainings nimmst und vorausschauend und verantwortungsbewusst arbeitest. "Normale" Anfängerfehler beim Fesseln sind z.B. Technikfehler, zu enge oder zu lockere Seile, rutschende oder sich verziehende Fesselungen, etc.]

 

Tipp Nr. 5: Wiederholung 

 

Und am Ende ist es so, wie mit allem, was wirklich Spaß macht:

 

Wiederholung und üben, üben, üben!Nur so wird unser sperriges Rumgetüddel zum hingebungsvollen Flow und unser rutschender Gote zu einer Lieblingsfesselung.

 

Das mit dem Üben kann dir keiner abnehmen, aber ein*e gute*r Trainer*in kann dir enorm viel Zeit sparen, dich vor eingeschlichenen Fehlern bewahren und dazu beitragen, dass du auf dem richtigen Weg zu dem bist, was du können und sein willst. Und alles, was du an wahnsinnig eindrucksvollen Performances in dem Bereich gesehen hast, kam von vielen wunden Fesselfingern und unzähligen Stunden am Seil, Korrekturen und Versuchen, Fehlversuchen, neuen Versuchen und der dauernden Wiederholung dessen, was funktioniert. Nur so können die Bewegungen rund werden und die Abläufe ins Muskelgedächtnis überfließen. Nur so bekommst du Selbstbewusstsein beim Fesseln und es wird dir immer mehr Freude machen, wenn alles wie von alleine von der Hand geht und du dich immer mehr auf dein Modell, die Energie, die Stimmung, vielleicht eine Intention oder eure Verbindung zueinander konzentrieren kannst.

Das großartigste an der Sache ist aber:

 

Hast du dir einmal ein gutes Grundlagenverständnis erarbeitet und hat dein Gehirn einmal ein gutes Wissens- und Fähigkeitennetz aufgebaut, bleibt neues Wissen förmlich von alleine dran kleben - du saugst neue Fesselungen nur so auf und es kostet dich keinerlei Mühe mehr, Techniken zu integrieren. 

 

Unser Üben ist nicht wie in der Schule. Es ist weder eintönig noch langweilig, sondern jedes Mal ein besonderes und einzigartiges Erlebnis. Leidenschaft eben....

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