1. Die Grundlagen der Sicherheit im Shibari

    Shibari "funktioniert" nicht nur aufgrund von perfekter Technik und viel Wissen - es basiert auf 3 Säulen, die Konsens, Vertrauen und Kommunikation heißen. Alle drei kommen weit vor technischer Finesse und gutem Seilflow und der Fähigkeit den perfekten Strappado zu fesseln. 

     

    1.1 Konsens

    Eine unserer wichtigsten Grundlagen ist Konsens. Unter Konsens versteht man das Einverständnis einer Person, bei einer Aktivität mitzumachen. Tatsächlich genügt es nicht, wenn jemand sagt, “Ja, passt”. Sondern der Konsens sollte unter bestimmten Bedingungen gegeben werden. Dazu gehören:

    • Die Person willigt bei völliger geistiger Klarheit ein. Das heißt, dass ein Konsens unter dem Einfluss von Alkohol kein guter Konsens ist und nicht als Zustimmung gewertet werden sollte. 
    • Die Person wurde nicht unter Druck gesetzt und darf keine Nachteile zu befürchten haben, wenn sie nicht einwilligt.
    • Die Person muss ausreichend Informationen bekommen über die Sache, zu der sie einwilligt (Was ist geplant? Was noch? Was ist Teil davon? Was ist die Intention?) 
    • Die Person darf ihren Konsens jederzeit zurücknehmen.

     

    Zu vermeidende Grenzfälle, in denen der Konsens nicht klar gegeben wurde:

    • Eine Person setzt die Bindung zu ihrem Partner aufs Spiel, wenn sie sich nicht von ihm fesseln lassen möchte. Ihr wird mit Liebesentzug gedroht (“Dann verlasse ich dich”) oder anderweitig Druck gemacht (“Deine Freundin würde sich aber fesseln lassen!”)
    • Eine Fesselung wird nicht beendet, obwohl die gefesselte Person Schmerzen hat und darum bittet, abgefesselt zu werden. 
    • Eine Person denkt, dass sie sich weiterhin fesseln lassen muss, da sie das erste Mal eingewilligt hat. 
    • Eine Person möchte nicht gefesselt werden, ihr Partner überredet sie aber sich ein bisschen fesseln zu lassen mit den Worten: “Du musst es erst ausprobiert haben, bevor du es beurteilen kannst”. 
    • Auch andersherum: Eine Person wird unter Druck gesetzt ihren Partner zu fesseln, obwohl sie es nicht möchte. 

    Solche Situationen sind nicht nur körperlich ein Risiko, sie können auch langfristig immensen Schaden in der emotionalen Bindung und dem Vertrauen zum (Fessel-) Partner nach sich ziehen. 

    👉 Was du beim Thema Konsens noch nicht wusstest

      

    1.2 Vertrauen

    Eine weitere wichtige Sache ist Vertrauen in den Partner. Mit Seilen gefesselt zu werden hat grundsätzlich Risiken für Körper und Psyche. Wir sind im gefesselten Zustand angreifbar und wehrlos - zudem kommt ein erhöhtes Verletzungsrisiko.  Hier geht es nicht darum, dass der Partner ein Profi-Fessler sein muss, damit ihm oder ihr vertraut werden kann. Vielmehr geht es um die grundlegende Absicht und die Bereitschaft zur Kommunikation. 

     

    1.2.1 Woran man erkennt, ob man seinem (Fessel-) Partner vertrauen kann:

    • Respektiert deine Grenzen
    • Fragt nach, ob alles okay ist oder wie es dir geht
    • Achtet auf deine körperliche und emotionale Sicherheit
    • Hat die Intention, mit dir zusammen Spaß zu haben
    • Er ist nicht von dir enttäuscht oder sauer, wenn mal was nicht funktioniert
    • Dein Partner möchte deine ehrliche Meinung hören - auch wenn es unangenehm ist. 
    • Er fesselt nichts, was seine Fähigkeiten übersteigt und dich damit in Gefahr bringt. 
    • Nimmt sich Zeit und ist auch im Anschluss für dich da. 

    Du merkst, dass du jemandem vertrauen kannst, wenn es ihm (oder ihr) eben nicht nur um sich selbst und perfekte Fesselungen, sondern vor allem um das Miteinander und gemeinsam erlebte geht. Wenn etwas nicht passt, wird abgefesselt oder abgebrochen - auch wenn das nicht seinem Plan entspricht. 

    Ein vertrauenswürdiger Fessler sagt auch öfter mal “nein” zu Vorhaben - weil sie seine Fähigkeiten überschreiten oder deine Sicherheit gefährden. 

     

    1.2.2 Auch der Fesselnde muss dem Model vertrauen

    Was viele vergessen ist, dass es umgekehrt auch viel Vertrauen seitens des Fesselnden in das Model braucht. Als Fessler vertrauen wir darauf, dass uns unser Model...

    • ...die Wahrheit über die eigenen Grenzen, Einschränkungen, Wünsche und Bedürfnisse gesagt hat.
    • ...uns ehrliches Feedback gibt, wenn mal etwas nicht passen sollte oder etwas vielleicht als unangenehm wahrgenommen wird. 
    • ...echte Emotionen zeigt und zulässt - wir brauchen keine “Show des härtesten Bondagemodells der Welt”, sondern wollen Authentizität und echte Emotionen. 

     

    1.2.3 Möglichkeiten, wie du das Vertrauen in deinen Fesselpartner erhöhen kannst

    • Besucht zusammen einen Shibari- Anfängerworkshop
    • Beginnt damit, nur dekorative Fesselungen zu bauen, die nicht-restriktiv sind
    • Schaut euch zusammen Tutorials an und macht eine eigene Shibari-Trainingseinheit
    • Informiere dich als Bondagemodell auch selbst über Shibari oder lerne ein paar Techniken. So kannst du Situationen besser einschätzen
    • Eine weitere Idee ist auch, die Rollen bewusst zu tauschen. So lernt der fesselnde Part, wie wichtig Vertrauen in der Rolle des Gefesselten ist. 
    • Übt die Fesselung, die ihr später im Bett machen wollt, genauso zunächst “trocken”- also als Übung. So kann durch Feedback ohne Enttäuschung korrigiert werden und das Vertrauen in Fessler und Fesslung steigt signifikant an. 
    • Macht kurze Fesselungen zum Testen. Das heißt, dass ihr die Fesselungen sowieso nur plant, maximal 5 Minuten dran zu lassen. So ist niemand enttäuscht und es kann sicher getestet werden. Zudem wird immer wieder die Erfahrung gemacht von: “Ich werde hier sicher jederzeit wieder befreit”. 

     

    1.2.4 Safeword im Shibari

    Im BDSM ist es Standard, zuvor sogenannte Safewords zu vereinbaren. Das sind Worte, die vom submissiven/ passiven Part ausgesprochen, entweder den Abbruch einer Session bedeuten oder ein Hinweis auf eine persönliche Grenze sind.  

    Im reinen Shibari arbeiten die meisten in der Regel nicht mit Rollenspielen und Spielcharakteren - eine normale Kommunikation ist eigentlich immer gewährleistet. Daher reicht ein “Könntest du mal bitte diese Seillage nachziehen” oft aus. 

    Ein Tipp ist auch die explizite Verwendung des Vornamens des Gegenübers zu nutzen. Ein: “Thomas, bitte fessel mal meine Beine wieder ab!” wird in der Regel sehr deutlich und klar verstanden. 

    Wenn du dich aber sicherer mit einem Safeword fühlst, dann vereinbare zuvor ein bestimmtes Wort, wie z.B. “Mayday” oder “Schneewittchen”. Eine andere Möglichkeit ist die Verwendung von einem Ampel-Code. Rot steht für “Stopp”, Gelb für “Nicht mehr/langsamer” und Grün für “alles gut/weiter/mehr”. 

     

    1.3 Kommunikation

    Eigentlich gehört Konsens und Safeword ja schon zum Thema Kommunikation. Gemeint ist aber noch etwas anderes. Nämlich die Kommunikation vor, während und nach der Fessel-Session. Denn: Eine gute Kommunikation ist maßgeblich dafür verantwortlich, wie die Session verläuft.

     

    1.3.1 Kommunikation vor dem Fesseln: Über Wünsche und Bedürfnisse reden

    Sprecht vorab miteinander, ....

    • ...was ihr euch wünscht, was idealerweise passiert / das Gegenüber unbedingt tut
    • ...was ihr nicht wollt, dass passiert (Tabus) / das Gegenüber auf keinen Fall tun soll
    • ...ob körperliche Einschränkungen vorliegen
    • ...welche Ängste und Sorgen ihr ggf. bezüglich eurer Fessel-Session vielleicht habt
    • ...welche Hoffnungen und Wünsche ihr habt (vielleicht auch erotische Fantasien)

     

    1.3.2 Kommunikation während des Fesselns

    Es ist wichtig, dass das Bondagemodell immer die Möglichkeit hat, zu sprechen und Feedback zu geben. Die meisten Unfälle passieren, weil nicht miteinander gesprochen wurde. Durch kleine Hinweise können Probleme schnell und effektiv gelöst werden. Hier ein paar Regeln: 

    • Sag klar, was du nicht willst
    • Sag vorab klar, was du für Einschränkungen hast 
    • Sag genau, was ist. So muss der Fessler nicht zu lange suchen, sondern kann gezielt eingreifen
    • Sag auch, wenn sich etwas gut anfühlt
    • Sag am Anfang lieber mehr als notwendig - dieses Prozess nennt sich “Kalibrierung”. Die fesselnde Person muss lernen können, welche Körpersprache mit welchen Empfindungen bei dir einhergehen. 
    • Sei dir bewusst, dass auch du zur Hälfte mit Verantwortlich für das Geschehen bist. Durch das Nicht-Kommunizieren von Problemen können unschöne Situationen für euch beide entstehen.
    • Hab niemals Angst davor, ein Problem zu melden. Es ist dein Recht und völlig normal, dass sich etwas nicht gut anfühlt oder nicht funktioniert. Shibari zu praktizieren ist ein gemeinsamer Prozess und auch Abhängig von der Tagesform und den bisherigen Erfahrungen. Feedback zu geben ist eine der Hauptaufgaben von dir als Bondagemodel. 
    • Oft kann ein sich groß anfühlendes Problem mit nur einer kleinen Bewegung korrigiert werden. Das Korrigieren von Fesselungen ist völlig normal. 

    Die fesselnde Person sollte dabei gut beobachten - Menschen kommunizieren nämlich nicht nur verbal, sondern auch nonverbal. So kann man mit etwas Übung anhand der Körpersprache, Atmung, Bewegungen, Muskeltonus, Mimik und Intuition sehr vieles Ablesen. 

     

    1.3.3 Aftercare: Kommunikation nach dem Fesseln

    Eine Fesselung wirkt nicht nur auf den Körper, sondern auch auf das Nervensystem, die Emotionen, die Psyche und die Bindung zum Gegenüber. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass wir auch nach dem Abfesseln des letzten Seils in Kontakt miteinander bleiben und das Erlebte einrodnen. 

    • Wie hat sich was angefühlt?
    • Was war gut, was nicht?
    • Wie geht es dir jetzt? 
    • Was können wir das nächste Mal besser machen? 

    Hier geht es um das Raumgeben für Emotionen und das Einordnen von Erfahrungen - durch verbale aber auch nonverbale Interaktion (z.B. Umarmung, Decke reichen, Snack bringen). 

    Aftercare ist dafür da, unseren Fesselpartner in seiner Leistung anzuerkennen und die Augenhöhe (Shibari geht immer mit einer Veränderung der Machtdynamik zwischen den Akteuren einher) wieder herzustellen. 

    👉 Was ist Aftercare?

     

    Grundlagen der Sicherheit beim Fesseln: Fazit

    Konsens, Vertrauen und Kommunikation sind also kein nettes Beiwerk, was man vernachlässigen sollte – sie sind die Bedingungen für sicheres und erfüllendes Shibari. Gerade das Thema Konsens wird oft von Menschen vernachlässigt - dabei hat es soviel tolles erotisches Potenzial. Bitte lies dir dazu meinen Beitrag durch - er kann für dich sehr bereichernd sein. 

    Vertrauen entsteht auch nicht nur durch Erfahrung oder “ist eben da oder nicht” - es kann bewusst gepflegt und entwickelt werden. Eben durch Kommunikation und Achtsamkeit. Es ist nicht einfach nur mal ein “bisschen reden” - gute Kommunikation funktioniert auch nonverbal. Der Körper spricht von alleine - man muss es nur lesen lernen. Offene Augen und ein offenes Herz bringen Tiefe und Verbindung ins Shibari, laden ein zu Entwicklung und schaffen einen gemeinsamen Rahmen für schöne Begegnungen - selbst wenn die Technik noch nicht einwandfrei sitzen mag.

    👉 Was du beim Thema Konsens noch nicht wusstest

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