Zwischen Schweigen, Authentizität und Vorurteilen: Wie man über Bondage redet

    Über die eigenen BDSM-Vorlieben zu sprechen, ist für viele Menschen alles andere als einfach. Hinter den scheinbar einfachen Fragen „Wie rede ich darüber?“ oder “Wie spreche ich jemanden an, den ich gerne fesseln würde?” steckt ein komplexes Spannungsfeld aus gesellschaftlichen Erwartungen, persönlicher Identität, Scham, Mut und dem Wunsch nach echter Verbindung.

     

     

    Wer offen über Bondage oder BDSM sprechen möchte, steht meist vor drei grundlegenden Herausforderungen:

    1. Ins Gespräch kommen: Wie kann man BDSM allgemein mehr enttabuisieren?
    2. Sich selber “outen”: Wie spricht man z.B. im Freundeskreis darüber, dass man selbst gerne fesselt oder gefesselt wird? 
    3. Potentielle Fesselpartner ansprechen: Und wie lässt sich ein Gespräch so lenken, dass man auf natürliche Weise herausfindet, ob jemand Interesse an einer Fessel-Session hätte, ohne aufdringlich oder gar komisch zu wirken?

    In diesem Beitrag möchte ich diese Fragen, die mir von einem Hörer des Podcasts eingereicht worden sind, einmal aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Ich möchte zeigen, warum ein offener Umgang mit diesen Themen vielen so schwer fällt und welche Gesprächswege tatsächlich funktionieren können, wenn man neue Fesselbekanntschaft knüpfen möchte.

    1. Zwischen Anpassung und Authentizität

    Der Grund, warum Menschen oft Angst davor haben, über ihre Bondage- oder BDSM -Neigung offen zu sprechen, ist meist ein innerer Schutzmechanismus und ein tief verankerter Überlebensinstinkt. Es geht nicht einfach um die Frage: “Rede ich über mein Hobby oder nicht?” Sondern vielmehr um ein: “Bin ich noch okay, auch wenn andere wissen, wer ich wirklich bin?” Gerne zu Fesseln ist eben nicht dasselbe, wie einfach nur eine Modelleisenbahn im Keller zu haben. Es kann in manchen Fällen Jahre oder gar Jahrzehnte des Nachdenkens und Abwägens in Anspruch nehmen, bis eine Person offen zu ihrer Vorliebe - und damit sich selbst -  stehen kann und möchte. Doch woher kommt die Angst? 

    Wir als Menschen sind von unserem Gehirn her darauf geeicht, nicht groß aus der Reihe zu tanzen und der Sonderling zu sein. Über Jahrtausende der Prägung hinweg, bedeutete ein gesellschaftlicher Ausschluss auch geringere Überlebenschancen ohne den Schutz einer Gruppe. Die Angst, als “pervers” zu gelten oder gar als „abartig“ abgestempelt zu werden und damit Freunde und Familie zu verlieren, ist daher biologisch bedingt - ein Überlebensinstinkt unseres Gehirns. 

    Viele Spieler entscheiden sich daher - aus diesem sehr verständlichen Grund - für die Anpassung und Schweigen über ihre Vorlieben, auch wenn es sie innerlich zerreißen mag. 

    Auf der anderen Seite steht aber auch ein großes Bedürfnis nach Authentizität und Wahrheit. Über längere Zeit hinweg einen wichtigen Teil der eigenen Identität zu verstecken oder leugnen zu müssen, kostet viel Energie, erzeugt Scham und Selbstzweifel und baut einen großen inneren  Druck auf: Schließlich wollen wir als das gesehen werden, was wir innerlich spüren und sind. 

    Aus diesem Grund wird ein “outing” in der BDSM-Szene von vielen als sehr erleichternd wahrgenommen. Die Wahrheit wurde gesprochen und das Verstecken und die Angst hat ein Ende. Man weiß nun, wer einen akzeptiert und wer nicht. 

    Wir haben also auf beiden Seiten etwa gleich starke Motivationen: Anpassung zum Zwecke des Überlebens in einer Gesellschaft auf der einen Seite und gelebte Authentizität und offene Identität auf der anderen Seite. Das eine kann sich anfühlen wie eine Lüge, das andere wie Ehrlichkeit. Das eine ist sicher, das andere gefährlich. 

    In diesem Spannungsfeld für sich eine Entscheidung zu fällen, ist alles andere als leicht. 

     

    2. BDSM Outing

     

    Tatsächlich gibt es so etwas wie ein “Outing” (dt. Offenlegung) - was man vor der Familie oder Freunden, Kollegen oder Bekannten machen kann - auch im BDSM. Viele kennen es nur von Transmenschen oder homosexuellen Personen, dass sie sich “outen” (müssen oder wollen), um ihr Leben nicht mehr verstecken zu müssen und ihre Wahrheit offen leben zu dürfen. 

    Aber welche Gründe könnten denn konkret im BDSM und Bondage für ein Outing sprechen?

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    Niemand muss oder sollte sich zwangsläufig outen als BDSMer oder Bondage-Fan. Was man privat macht, muss niemanden etwas angehen. Jedoch gibt es Situationen und Konstellationen, die ein Bondage/BDSM- Outing sinnvoll machen. z.B. auch, wenn man sich Menschen sehr verbunden fühlt und sie teilhaben lassen möchte am eigenen Leben. Und auch, wenn die Neigung eben sehr viel mehr Raum einnimmt, als nur ab und an mal kurz im Schlafzimmer. 

    Ein Outing bedeutet nicht, dass man...

    • in Zukunft von nichts anderem spricht und kein anderes Thema mehr hat
    • nicht auch über andere Lebensbereiche in Verbindung bleiben kann (z.B. Sport, Arbeit, andere Hobbys, etc.)
    • mit der Person, vor der man sich outet auch im BDSM und Bondage verbunden sein möchte. 

    An erster Stelle kann es eine Möglichkeit sein, den Anteil der eigenen Persönlichkeit seinem Gegenüber vorzustellen und die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen und Vorurteile abzubauen. Es ist ein “Get to Know” eines Persönlichkeitsanteils UND ein enormer Vertrauensbeweis. Jedes Gespräch und jedes Outing ist somit enttabuisiered, normalisierend und kann auch die Neugier im Anderen entfachen. 

     

    “Dieses drüber reden war für mich ganz wichtig, da Leute sich über sexuelle Veranlagungen lustig machen - ob es schwul und lesbische oder queere Beziehungen sind und dazu zählt dann auch ganz oft Masochismus. Das tat mir immer weh und es führte dazu, dass ich das Gefühl hatte zu Zerplatzen und dann musste es raus. Und gerade in Situationen auf Baustellen, wenn die Leute sich da drüber lustig machen und gar keine Ahnung davon haben. Da musste ich irgendwann mal “Stopp” sagen und “Moment mal, ihr redet gerade mit einem Masochisten”.

     Bei mir war der große Vorteil, dass ich meistens positive Resonanzen hatte. Das heißt, dass die leute neugierig geworden sind im positiven Sinne und nachgefragt haben. Und Erklärungen haben wollten und Bilder haben wollten - weil sie sich diese fremde Welt gar nicht vorstellen können...”

    Es ist manchmal ganz interessant die Reaktionen zu sehen - das geht von einem roten Kopf bis Erstaunen und ähnliches und über ganz normale Gespräche weiter. Für mich ist es immer noch sehr spannend mit den Leuten darüber zu reden.”

     

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    3. Wie man über seine Leidenschaft redet, 3 Tipps

     

    Es ist mir vollkommen bewusst, dass man sich nicht in jedem Kontext und vor jedem Menschen gleichermaßen offen äußern und “outen” kann und sollte. Aber für die Situationen, wo es angemessen und angebracht ist, habe ich hier 3 Tipps für dich.  

    Tipp Nr. 1: Sei mit dir selbst im Reinen. Damit meine ich, dass du dich selbst zuerst als das akzeptieren darfst, was dich ausmacht und wer du bist. Die meisten Menschen spiegeln unbewusst einfach nur deine innere Unsicherheit. Gehst du aber mit Selbstliebe und Selbstakzeptanz an die Sache, wird auch dein Umfeld eher positiv darauf reagieren. 

    Tipp Nr. 2: Tritt Selbstbewusst auf. Wenn du von dem Anderen indirekt Erlaubnis oder Bestätigung suchst, kann es zu unschönen Situationen kommen, wo du dich rechtfertigen musst oder blöde Sprüche abbekommst. Je Selbstbewusster und souveräner du aber auftrittst, desto weniger wirst du Probleme haben. 

    Bsp: Wenn ich mit dem Selbstbewusstsein reingehe und der Haltung: “Ich mach XY und hab Spaß dran. Was machst du?” (“Friss-oder-stirb-Mentalität”) Dann wird mein Gegenüber eher mit Neugier reagieren und vielleicht dann auch eher - genauso wenig wie ich - daran etwas merkwürdig oder komisch finden. 

     

    “Ich frage Menschen nicht nach Erlaubnis, ob ich so sein darf, wie ich bin. Ich lade sie aber gerne ein, mehr über meine Welt zu erfahren.”

     

    Tipp Nr. 3: Rechne damit, dass du auch Menschen damit verlierst. Leider gehört es auch zur Wahrheit, dass man mit einem BDSM-Outing auch Menschen verlieren kann. Es gibt einfach die Möglichkeit, dass sie es nicht verstehen (leider dann auch keine Fragen stellen) und ihr eigener Kopf mit vielen Vorurteilen vorbelastet ist. 

    Dasselbe kann dir aber auch passieren, wenn du umziehst (nicht jeder wird dich in der neuen Heimat besuchen kommen), eine neue Beziehung eingehst (jemand mag deinen neuen Partner nicht), ein Kind bekommst, Veganer wirst oder keinen Alkohol mehr trinkst. 

     

    Dazu wieder der zweite Teil der Zuschrift:

    “...Manche können sich Bondage und BDSM nicht vorstellen - andere wollen nicht. Und die, die nicht wollen, die reden mit einem dann sowieso nicht. Es führte natürlich auch dazu, dass Freundschaften oder Kontakte dann ausgeblendet werden. Aber ich kann eigentlich nur ermutigen, einfach dazu zu stehen, was mir wichtig ist und wie ich mich fühle.

    Mittlerweile ist es so, dass die Leute mich ansprechen und mich fragen - das bestärkt mich darin, dass ich alles richtig gemacht habe.”

     

    Nicht jeder hält Ehrlichkeit und sexuelle Offenheit gut aus. Und manchmal muss man auch die Grenzen und Limitierungen verstehen, wenn jemand mit bestimmten Themen einfach nichts anfangen kann. Der Grund ist oft,  dass Menschen die ressourcestarken inneren Bilder dazu fehlen oder es eigene Probleme bezüglich der eigenen Lust und Selbsterkundung triggert. 

    Achte also unbedingt darauf, dass du bei einem Outing sehr positive Bilder malst, bestimmte Begriffe vermeidest (z.B. alles was mit Schlagen oder Schmerzen zu tun hat) und deinem Gegenüber vor allem von Dingen erzählst, mit denen er oder sie noch am ehesten etwas anfangen kann.

     

    4. Wie man das Gespräch am besten aufs Fesseln lenkt

    So, und jetzt ein paar Tipps, wie man das Gespräch (bei offenen und neugierigen Menschen) am besten auf das Thema “Darf ich dich fesseln?”  lenken kann.

    • Selbstbewusst und direkt fragen, als wäre es das normalste der Welt, z.B.: “Hättest du Lust auf einen Fesselabend? Ich fessel seit kurzem so ein bisschen und hab Bock das zu teilen”. 
    • Lass die Seile oder ein Buch mit Fesselanleitungen bei der nächsten Party einfach rumliegen und warte auf neugierige Nachfragen
    • Ein ästhetisches Bild an der Wand von einer gefesselten Person könnte ggf. auch als Einladung wahrgenommen werden. Du kannst notfalls dann immer noch mit: “Ich fand das einfach interessant” oder dem Hervorheben der Kunstfertigkeit (z.B. bei einem analogen Bild) antworten. 
    • Du kannst das Gespräch auch direkt auf das Thema lenken, aber mit positiv gelenkten Fragen, wie z.B. “Was denkst du, fasziniert Menschen daran sich fesseln zu lassen?”
    • Erzähl von einem Freund, der jetzt die Fesselkunst für sich entdeckt hat und teste somit von sicherem Boden aus, wie die Reaktionen darauf ausfallen.

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    Da die meisten Menschen eher neugierige Wesen sind, ist das größte Hindernis die Vorurteile und verzerrten Bilder im Kopf, wenn es um das Thema Bondage und BDSM geht. Achte also unbedingt darauf, dass du über Vorurteile redest und viel Sicherheit sowie niedrigschwellige Exit-Möglichkeiten anbietest. Das könnte z.B. so aussehen:

    • Biete im Freundeskreis z.B. einen kleinen Austausch - und Versuchsabend zum Thema Fesseln an. Du zeigst da die ein oder andere Fesselung, bringst den Interessierten ein bisschen was bei und beantwortest Fragen zum Thema. 
    • In der Gruppe von 2-3 Personen fühlen sich die meisten Menschen viel sicherer und trauen sich mehr. Gerade wenn du mit einer Person aus der Gruppe bereits gefesselt hast, fällt es dann den anderen leichter, es auch mal zu versuchen. 
    • Sag von vornherein, dass die Arme bei den ersten Malen frei bleiben oder es eher um ein gemeinsames Herausfinden und Experimentieren geht. So ist klar, dass jeder mitreden kann jederzeit befreit wird. 

     

    Und hier noch die wichtigste Grundregel beim Kennenlernen von neuen potentiellen Bondagemodells: 

    Wir (als Fesselnde) betteln niemals darum, eine Person fesseln zu dürfen. Unsere Kunst, Energie, Arbeit, Aufmerksamkeit wird nicht verhökert. Sie wird liebevoll verschenkt - aber nur an Menschen, die dieses Geschenk auch zu schätzen wissen oder dankbar dafür sind. Es wird niemand überredet (das wäre auch vom Konsens her schwierig). Daher ist mein letzter Tipp: Lass sie hungrig gehen. Warte lieber ab, bis sich eine Person zu 100% sicher ist, von dir gefesselt werden zu wollen.

     

    5. Fazit

    Über die eigenen BDSM-Vorlieben zu sprechen ist alles andere als ein Smalltalk-Thema. Es kann für manche Menschen zum Balanceakt zwischen Selbstschutz und Selbstentfaltung werden. Manche Menschen schaffen es ihr Leben lang nicht, offen damit umgehen zu können und haben häufig sehr gute Gründe dafür. 

    Ein Outing kann deshalb in manchen menschlichen Beziehungen sehr entlastend wirken, aber auch verbinden und den Raum für interessierte Fragen öffnen. Stück für Stück wird Bondage und BDSM somit mit jedem Gespräch weiter enttabuisiert. 

    Wer den Mut hat, offen zu seiner Leidenschaft zu stehen, ermöglicht auch anderen, ebenfalls freier zu werden und neue Erfahrungswelten ohne Scham ausprobieren zu können.

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