Wenn nur einer will: Bondage zwischen Konsens und Liebesdienst

    Was passiert eigentlich, wenn ein Partner eine ausgeprägte BDSM-Neigung, Fetische und spezielle erotische Vorlieben hat - oder diese gerade für sich entdeckt hat-  und der andere davon so gar nichts wissen will? Wie geht man damit um, wenn man doch so gerne von seinem Partner gefesselt werden möchte, dieser aber allein bei der Vorstellung schon die Augen verdreht? Wie bringe ich meinen Partner dazu, mich zu fesseln?Und kann man seinen Partner überhaupt für etwas begeistern, auszuprobieren, das nicht aus ihm selbst heraus kommt?

    Gerade beim Thema Bondage oder BDSM taucht diese Situation sehr häufig auf und begegnet mir seit vielen Jahren in meiner Arbeit immer wieder. Dahinter steckt oft großes Leid, enormer Druck und der aufrichtige Wunsch, zusammen aufregende und tief verbindende Momente zu erleben. 

    Um dieses Thema differenziert und hilfreich zu betrachten, habe ich neben meiner eigenen Erfahrung auch Gedanken von einer Paartherapeutin einfließen lassen sowie die bestärkende Perspektive einer Frau, die selbst in einer Beziehung lebt, in der BDSM ursprünglich vor allem ein Interesse ihres Partners war.

     

    1. Warum die Bitte, sich auf ein Rollenspiel einzulassen oft missverstanden wird

    Wer sich von seinem Partner wünscht, dass er das Spiel mit Dominanz und Seil mit ihm zusammen ausprobiert und sich auf diese neue Welt einlässt, der zeigt sehr viel Offenheit, Mut und den Wunsch, etwas zusammen zu gestalten. Es ist die große Hoffnung, dass der Partner womöglich dieselbe Freude am Bondage und BDSM findet wie man selbst und die Partnerschaft dadurch an neuen, starken und verbindenden Impulsen wachsen kann. 

    Leider kommt es jedoch häufig vor, dass diese positive Intention hinter dem Wunsch oft missverstanden und mit den falschen Ohren gehört wird. Ich möchte dich gerne darauf aufmerksam machen, was womöglich - fälschlicherweise - bei deinem Vanilla-Partner (Wertneutraler Begriff für Menschen, die noch keine BDSM-Vorlieben, Fetische, etc. haben) ankommen könnte: 

    Fallstrick Nr. 1: “Ich will, dass du jemand anderes für mich wirst”

    Wenn wir unserem Wunsch ausdrücken, unseren Partner in einer dominanten Rollen erleben zu wollen, dann gibt es das große Risiko, dass dieser denkt, wir wollen ihn ersetzen oder gegen eine Fantasiefigur austauschen. Schnell entsteht die Botschaft: “Du bist nicht gut genug, wie du bist - ich hätte dich gerne anders”. 

    Die Paartherapeutin Jasmin von Kolibri-Coaching-Berlin.de formulierte das folgendermaßen: 

    “Wenn man versucht, jemanden in eine bestimmte Rolle hineinzuschieben, dann spürt die andere Person das in der Regel sehr, sehr schnell und dann kommt eine fatale Botschaft an, nämlich dass man nicht selbst als Person gemeint ist, sondern dass man eine Vorstellung erfüllen soll. Und das kann Vertrauen verletzen - das Vertrauen, was BDSM erst möglich macht.”

     

    Hier ist es super wichtig, dass du 3 Dinge von vorne herein klarstellst:

    • Sei dir darüber im Klaren, dass niemand in deine persönliche erotische Fantasie hineinspringen kann. Fantasien können niemals genauso in der Realität umgesetzt werden. Die reale Erfahrung wird daher maximal im besten Szenario ähnlich sein und die entstandenen Gefühle in dir können denen in der Fantasie gleichen. Wenn dir das bewusst ist, gibt es so viel mehr Gestaltungsspielraum für euch beide und der Partner versteht, dass er selbst in den Sessions wirken und mitspielen kann statt nur zu imitieren oder etwas nachzuspielen.

     

    • Kläre unbedingt darüber auf, dass es nicht darum geht, dass dein Partner zu einer Fantasiefigur (z.B. Klischee-Domina, Super-Dom) werden soll, sondern selber experimentieren darf und es tausend verschiedene Ausdrucksformen von z.B. Dominanz geben kann. 

     

    • Sprich darüber, was du mit deinem Partner zusammen erleben und gestalten möchtest - wenn ihr euch auf das Gefühl und die Situation statt auf feste Figuren mit einstudierten Texten konzentriert, entstehen neue Erlebensmöglichkeiten

     

    Fallstrick Nr. 2: “Wenn du das nicht tust, bist du Schuld an meinem Unglück und ich gehe fremd”

    Es gibt auch die Möglichkeit, dass dein Partner sich durch deine Idee enorm unter Druck gesetzt fühlt und sich in einem Drohszenario wiederfindet, wo die Bindungssicherheit plötzlich an Bedingungen geknüpft werden, die vielleicht überfordern, Angst machen oder sogar den eigenen Werten widersprechen. In dieses Fahrwasser wollen wir auf gar keinen Fall gelangen. Daher ist es enorm wichtig, Wie wir kommunizieren. 

     

    Wunsch vs. Bedürfnis

    Ich möchte dir einmal das Konzept von Wunsch vs Bedürfnis aus Motivationstheorie vorstellen. Können wir diese beiden in einer Beziehung voneinander unterscheiden, dann nimmt das den Druck aus dem Thema und wir können diesem Stolperstein ausweichen: 

    Ein Bedürfnis ist etwas abstraktes, das für unser psychisches oder körperliches Wohlbefinden grundlegend wichtig ist, wie z.B. Nahrung, Schlaf, Autonomie, Sicherheit aber auch Nähe und Sexualität. Sexuelle Befriedigung zu erfahren ist also ein Bedürfnis. 

    Auf der anderen Seite steht der Wunsch. Ein Wunsch ist die konkrete und individuelle Form, wie ein Bedürfnis erfüllt werden soll. Es ist etwas, was wir uns von unserem Partner erhoffen. 

     

    zum Beispiel:  

    • Etwas zu essen ist ein Bedürfnis. Pizza Funghi zu essen ist ein Wunsch
    • Sexuelle Lust in der Partnerschaft zu teilen ist ein Bedürfnis. Gefesselt zu sein und mit einer dominanten Partnerin Rollenspiele zu machen, ist ein Wunsch. 
    • Geliebt zu werden ist ein Bedürfnis, es gesagt zu bekommen ist ein Wunsch. 

     

    Grundsätzlich stehen die Bedürfnisse klar über den Wünschen. Während die Erfüllung unserer Bedürfnisse in einer Partnerschaft unerlässlich ist, ist die Erfüllung von Wünschen nicht zwingend für eine gute Beziehung notwendig.  

    Gerade bei erotischen Vorlieben und Fetischen wird ein Wunsch ganz häufig mit einem Bedürfnis verwechselt. Wir denken dann, dass wir ganz bestimmte Aspekte und Reize unbedingt So-und-So benötigen, um z.B. sexuelle Erfüllung zu erfahren. Aber ist das wirklich so? Ist mein Bedürfnis wirklich nur durch diesen einen konkreten Wunsch von meinem Partner erfüllbar? Ist das der einzige Zugang? 

    Die Paartherapeutin Jasmin sagt dazu:  

    “Es ist sehr wichtig, an der Stelle offen miteinander zu besprechen: Was genau steckt eigentlich hinter diesem Wunsch, z.B. dominiert und gefesselt zu werden? Worum geht es da eigentlich? Ist es die Kontrolle, die Hingabe, geht es um Vertrauen, geht es um eine körperliche Empfindung? Und lassen sich diese Elemente vielleicht auf eine Weise ausleben, die sich für beide stimmiger anfühlt?”

     

    Um dem großen Stolperstein des Droh-Szenarios aus dem Weg zu gehen, beachte unbedingt diese 3 Punkte:

     

    • Finde heraus, welche Bedürfnisse hinter dem Wunsch stecken. Nur so hat dein Partner Handlungs- und Wahlmöglichkeiten, um dir im Rahmen seiner Grenzen entgegen kommen zu können. 

     

    • Stelle klar, dass es ein Wunsch ist (und kein Bedürfnis) und dass die Nicht-Erfüllung des Wunsches nicht die Kraft hat, die Partnerschaft zu gefährden. Das mag schwer fallen, ist aber die einzige Möglichkeit, dass Druck aus dem Thema genommen und Wachstum möglich wird.

     

    • Es ist komplett normal, wenn eine erotische Fantasie keine Umsetzung im realen Leben findet. 80% der erotischen Fantasien bleiben im Durchschnitt eh für immer im Reich der Fantasie und nur bei 20% ziehen wir überhaupt in Erwägung sie jemals überhaupt umsetzen zu wollen. Mach dir klar, dass du nicht Opfer deiner Fetische und Fantasien bist, sondern aktiv Einfluss auf die Größe des Themas im Rahmen deiner Partnerschaft nehmen kannst. 

     

    Ein Wunsch wird immer mit anderen Ohren gehört werden, als eine Forderung oder das Ausdrücken von Frustration und Unzufriedenheit. Erst wenn der Druck aus dem Thema raus ist und offen und ehrlich kommuniziert werden kann - auf liebevoller Basis - ist Wachstum und Entwicklung überhaupt erst in Richtung BDSM für den Vanilla-Partner möglich. 

     

    Wenn ihr Herausforderungen in der Beziehung habt und dabei offen über das Thema BDSM sprechen wollt ohne komisch angeguckt zu werden, könnt ihr euch gerne an die liebe Jasmin wenden: Kolibri-coaching-berlin.de 

     

    1. Wie du deinen Chancen drastisch erhöhst ...

    Jetzt wissen wir schon mal, was wir auf jeden Fall vermeiden sollten und wie wir den Druck aus dem Thema bekommen. Ich habe hier 9 konkrete Tipps für dich, wie du deine Chancen stark erhöhen kannst, dass dein Partner sich auf einen BDSM- oder Bondage-Versuch einlässt. 

    1. Kommunikation: Kommuniziere darüber, was es dir gibt, z.B. gefesselt zu werden und warum du dieses Gefühl so sehr schätzt. Nur so kann dein Partner dich verstehen lernen. 

    Achte von vorne herein darauf, dass du immer als Wunsch, Angebot oder Einladung formulierst. Nicht: “Und du trägst dann Latex und fesselst mich hart”, sondern: “Vielleicht hast du ja so gar Lust dazu, ein besonders schönes Latexkleid anzuprobieren und das Gefühl von Latex auf der Haut zu erfahren- wir könnten dann gemeinsam ausprobieren, wie sich  eine Fixierung in Latex anfühlen könnte und ob uns das gefällt”

     

    2. Beide Seiten: Dein Vanilla-Partner sollte von Anfang an die Möglichkeit von dir bekommen, jede Seite erkunden zu dürfen und eigene Ressourcen innerhalb vom BDSM für sich entdecken zu dürfen. Nagel deinen Partner nicht auf die Rolle fest, in der du ihn gerne sehen würdest. 

     

    3. Zusammen experimentieren: Lege den Fokus auf das Verbindende und das Zusammen-Ausprobieren. Nicht: “Ich mag Ketten und Latex und es wäre toll, wenn dir das auch gefällt”, sondern: “Welche Materialien machen uns beiden Spaß? Wie können wir unsere Vorlieben optimal miteinander verbinden, so dass wir beide Freude haben?" 

     

    4. Ressourcen-Orientierung: Achte bei der Planung für die ersten Versuche immer auf klare Vorteile für deinen Vanilla-Partner (nur so kann jemand BDSM auch verstehen lernen). Bitte wisse: Für die meisten Menschen ist “dominant sein” alleine überhaupt nicht geil oder anturnend - das kommt erst mit der Zeit. 

     

    5. Grenzen & Regeln: Respektiere die Grenzen deines Partners - gerade am Anfang kann das Feld des Möglichen super eng und voller No-Go´s sein. Die Grenzen werden sich aber mit der Zeit und vermehrter Erfahrung verändern. Häufig lohnt es sich auch, den Grund für eine bestimmte Grenze zu erfragen und diesen dann im Gespräch auch auflösen zu können. Regeln und Absprachen, z.B. zu zeitlichen Abständen der Session (so ist es nicht jeden Tag Thema, sondern nur 1x die Woche o.ä.) sind zum Schutz beider Partner essentiell. 

     

    6. Submissivität für sich nutzen: Ein Submissiver Partner kann in Wartehaltung “geparkt” werden - so hat man selbst eine Pause - , kann dienen, Snacks servieren, die Füße massieren und sich selbst bestrafen, fesseln und belohnen. Innerhalb der Sessions muss nicht jeder Schritt immer 1:1 begleitet werden - auch die Option der Befehle über das Handy und die Keuschhaltung können den aktiven Partner entlasten und für Ruhe sorgen. 

     

    7. Wissen und Infos sammeln: “Je mehr Infos ich hatte, desto mehr Anknüpfungspunkte habe ich bekommen”. Geht zu Workshops, Bondage Trainings, BDSM Treffen, Messen, Veranstaltungen und redet mit Menschen aus der Szene. Je mehr man weiß, desto mehr findet man, was einem gefällt und die Neugier weckt. 

     

    8. Geschenk-Konsens: Der Geschenk-Konsens ist eine Zustimmung zu einer sexuellen Handlung oder z.B. einem Rollenspiel die man dem passiven Partner schenkt. Dieser Konsens kommt daher nicht aus uns selbst heraus, sondern wird als Liebesdienst verschenkt. Voraussetzung ist, dass die Handlung innerhalb der eigenen Grenzen und Werte stattfinden und es für den Schenkenden zumindest “okay” ist. 

     

    9. Externe Lösungen: Wenn dein Partner sich wirklich-wirklich nicht auf BDSM-Versuche einlassen möchte, ist ein Besuch bei der Paartherapie zur Erarbeitung neuer Lösungsansätze sehr zu empfehlen. Manchmal hilft auch nur die Öffnung die Beziehung, wenn der Wunsch zu stark ist und nicht anders erfüllt werden kann. 

     

    Grundsätzlich ist alles möglich, wenn du einen Partner hast, der dir offen zuhört und bereit ist, Neues auszuprobieren. Dafür müssen nicht selten zunächst einmal Vorurteile abgebaut und Wissen zur Verfügung gestellt werden. Wenn ihr an die Sache so heran geht, dass ihr beide darin etwas finden wollt, was euch begeistert, dann habt ihr gute Chancen, dass ihr auch dauerhaft das Thema BDSM und Bondage in eurer Beziehung integriert bekommt - auch ohne dass beide Partner gleichermaßen stark interessiert sind. 

     

    Ich hoffe ich konnte ein paar nützliche Informationen für dich zusammenstellen!

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